Die eine Hälfte verloren, die andere gelangweilt – Begleitvideos für den Einstieg in die Security
Security-Vorlesungen setzen viel voraus: Rechnerarchitektur, ein bisschen Mathematik, das Terminal, Linux, Netze, das Web. In meiner Vorlesung „Introduction to Security and Privacy“ sitzen Studierende, die noch nie ein Terminal geöffnet haben, neben Studierenden, die zu Hause Linux laufen lassen. Im ersten Tutorium ist dann die eine Hälfte verloren und die andere gelangweilt.
Dieses Semester haben wir am Lehrstuhl 19 kurze Begleitvideos in drei Reihen gemacht, die jede und jeder unter CC BY-SA 4.0 verwenden darf. Der Teaser erklärt in knapp zwei Minuten, worum es geht.
Die erste Reihe, Terminal basics, hat sechs Videos. Sie zeigt, wie man im Terminal arbeitet, sich mit ssh auf einem Rechner der Uni anmeldet, Dateien hin- und herkopiert, einen Schlüssel statt eines Passworts benutzt und ein Programm mit tmux weiterlaufen lässt, während der Laptop zugeklappt ist.
In den acht Videos von The network geht es darum, wie Daten vom eigenen Laptop zu einem Rechner an der Uni kommen: Adressen, Routing, NAT, Ports, VPN und ssh-Tunnel. Software Security erklärt in fünf Videos, was im Prozessor und im Speicher passiert, während ein Programm läuft, wie ein Buffer Overflow das ausnutzt und was dagegen hilft.
Zu jedem Video gehört eine Begleitseite, die über das Video hinausgeht. Sie erklärt den Stoff noch einmal Schritt für Schritt zum Nachlesen, mit den Befehlen zum Kopieren und der Ausgabe, die man auf dem eigenen Rechner sehen sollte. Hinweise für Windows und macOS und ein Abschnitt zu typischen Problemen helfen, wenn etwas nicht wie gezeigt funktioniert. Am Ende stehen Übungen zum Selbermachen und Fragen zur Selbstkontrolle: erst selbst antworten, dann die Musterantwort aufklappen und vergleichen.
Gesprochen wird einfaches Englisch, Untertitel gibt es auf Englisch und Deutsch.
Wer etwas schon kann, überspringt es, und wer bei null anfängt, fängt vorne an. Im Tutorium sollen dann alle ungefähr vom selben Stand aus starten.
Video lohnt sich vor allem dort, wo sich etwas im Zeitablauf verändert, und in der Security ist das oft so. Eine Anmeldung mit Schlüssel läuft in mehreren Schritten ab, ein Datenpaket wandert über zwanzig Stationen, und ein Programm schreibt über das Ende eines Speicherbereichs hinaus und überschreibt, was dahinter liegt. An der Tafel zeichnet man davon den Anfangs- und den Endzustand. Im Video sieht man, was dazwischen passiert.
Bei Videos, die eine Vorlesung einfach abfilmen, bin ich skeptisch. Selten sind sie besser als die Vorlesung selbst.
Die Grenze war nicht die Maschine, sondern wie schnell wir prüfen konnten.
Gebaut haben wir die Reihe mit Claude Code, einem KI-Werkzeug, das selbstständig Programmcode schreibt, ausführt und das Ergebnis prüft. Jede Szene ist als kleine Webseite programmiert, die ein Browser Bild für Bild abfotografiert. Sprecherstimme, Musik und Untertitel entstehen ebenfalls aus Code. Ändern wir einen Satz im Skript, wird nur diese eine Szene neu eingesprochen, und ein einziger Befehl baut das ganze Kapitel neu.
Alle 19 Videos zusammen sind in etwa zwei Tagen entstanden, die Nacharbeit hat ein paar Tage mehr gedauert. Die Grenze war nicht die Maschine, sondern wie schnell wir prüfen konnten.
Was ein Kapitel lehrt und in welcher Reihenfolge, haben wir festgelegt. Die Skripte haben wir gelesen und gekürzt, bevor irgendetwas animiert wurde. Jeder Befehl, der im Video zu sehen ist, lief vorher auf einem Testsystem, und die Ausgabe im Bild ist die echte. Jedes fertige Video haben wir angeschaut, bevor es online ging.
Welche Anweisungen das Werkzeug bekam, wie die einzelnen Schritte aussahen und welche Teile unter welchen Lizenzen stehen, beschreibt das Kolophon der Website.
Ob die Videos die Lücke im ersten Tutorium tatsächlich kleiner machen, können wir noch nicht sagen, denn das Semester hat gerade erst angefangen. Wir wissen auch nicht, wer sie anschaut: die, die sie brauchen, oder die, die das meiste ohnehin schon können.
Wer selbst Security, Netze oder Systemgrundlagen unterrichtet, darf die Videos und Begleitseiten verwenden, verlinken und anpassen, solange die Quelle genannt wird und Änderungen unter derselben Lizenz weitergegeben werden.
Welche Themen würden helfen, alle schnell auf einen gemeinsamen Stand zu bringen? Ich freue mich über Vorschläge.